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Deutsch
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01DER KRIEG OHNE NAMENDer Krieg ohne Namen5:00Deutsch
Der Dritte Weltkrieg müsste nicht mit einer offiziellen Erklärung beginnen. Er könnte in Fragmenten kommen: Cyberangriffe, Drohnen, Sanktionen, Sabotage, Handelskriege, Informationsoperationen und Stellvertreterkonflikte. Die Gesellschaft funktioniert weiter, während Großmächte bereits kämpfen. Niemand sagt Weltkrieg, doch der Krieg ist längst da.
Kein Alarm und kein Signal,
keine Sirenen überall.
Die Börse steigt, die Straßen voll,
doch irgendwo beginnt der Zoll.
Keiner sagt: Der Krieg ist hier.
Keiner sagt: Wir kämpfen schon.
Keine Front vor deiner Tür,
nur ein Flimmern im Telefon.
Der dritte Krieg!
Still und kalt!
Der dritte Krieg!
Ohne Namen, ohne Halt!
Satelliten über Nacht,
Drohnen ziehen ohne Wacht.
Kabel tief im dunklen Meer,
Daten werden zum Gewehr.
Geld wird Waffe, Angst wird Macht,
Wahrheit wird zurechtgemacht.
Fremde Hände, fremdes Land,
niemand kennt die echte Hand.
Der dritte Krieg!
Still und kalt!
Der dritte Krieg!
Unsichtbare Weltgewalt!
Kein Soldat marschiert herein,
doch die Netze brechen ein.
Kein Minister nennt das Wort,
während Feuer brennt am andern Ort.
Ost und West und Nord und Süd,
jeder spielt sein altes Lied.
Stellvertreter, Macht und Geld,
Schachfiguren auf der Welt.
Der dritte Krieg!
Längst entfacht!
Der dritte Krieg!
Mitten in der stillen Nacht!
Wer ist Freund?
Wer ist Feind?
Wer bestimmt, was Wahrheit scheint?
Wer gewinnt?
Wer verliert?
Wenn der Krieg sich selbst versteckt?
Kein Anfang.
Keine Erklärung.
Kein Ende.
Nur eine Welt,
die langsam merkt,
dass Frieden vielleicht
nur noch der Name war.
02DU BIST FREIDu bist frei5:10Deutsch
Das System wiederholt: Du bist frei! Du kannst kaufen, wählen, sprechen und entscheiden. Gleichzeitig formen Algorithmen, Märkte, Plattformen und Institutionen den Raum, in dem diese Entscheidungen entstehen. Bedeutet Freiheit nur wählen zu dürfen - oder auch bestimmen zu können, welche Optionen existieren?
Du wachst auf, der Bildschirm spricht,
er kennt dein Herz, du kennst ihn nicht.
Er weiß, was du willst, bevor du fragst,
er weiß, was du denkst, bevor du sagst.
Du kaufst.
Du klickst.
Du glaubst.
Du gehst.
Und irgendwo wird mitgezählt,
was du liebst und was du wählst.
Du bist frei!
Du bist frei!
Das sagt man dir jeden Tag.
Du bist frei!
Du bist frei!
Solange niemand Fragen fragt.
Kameras schlafen niemals ein,
Algorithmen kennen dein Gesicht.
Sie zeigen dir die richtige Welt,
und was nicht passt, das siehst du nicht.
Deine Angst bekommt einen Preis.
Deine Wut bekommt ein Ziel.
Deine Wünsche werden analysiert,
und du nennst es freien Willen.
Du bist frei!
Du bist frei!
Das Display sagt: Du hast die Wahl.
Du bist frei!
Du bist frei!
Zwischen A und B im selben Saal.
Links.
Rechts.
Kaufen.
Wählen.
Arbeiten.
Schlafen.
Weiterzählen.
Ein neuer Morgen, neues Licht,
eine neue Wahrheit im Bericht.
Gestern falsch und heute wahr,
morgen wieder wunderbar.
Kein Diktator auf dem Balkon.
Keine Stiefel vor dem Haus.
Nur ein leises digitales Flüstern:
„Wir kennen dich.“
Du bist frei!
Du bist frei!
Wiederhol es noch einmal!
Du bist frei!
Du bist frei!
Bis es klingt wie ein Befehl.
Freiheit.
Sicherheit.
Ordnung.
Bequemlichkeit.
Vier schöne Wörter.
Und irgendwo,
tief hinter dem Bildschirm,
entscheidet eine Maschine,
welches davon
du heute brauchst.
03DAS GELD REGIERTDas Geld regiert3:51Deutsch
Präsidenten, Regierungen, Fahnen und Ideologien wechseln. Das Geld fließt weiter. Das Stück fragt, welche Macht eine Wahlurne gegenüber einem Finanzsystem besitzt, das Grenzen in Millisekunden überquert. Es behauptet nicht, Geld kontrolliere alles; es fragt, wer dem Zahlenden Nein sagen kann.
Sie wechseln Fahnen.
Sie wechseln Namen.
Sie wechseln Präsidenten
und politische Programme.
Links.
Rechts.
Rot.
Blau.
Doch über ihnen allen
steht dieselbe Zahl.
Geld!
Geld!
Das Geld regiert!
Geld!
Geld!
Bis alles funktioniert!
Du wählst einen Präsidenten.
Du wählst ein Parlament.
Doch niemand wählt die Hände,
die jeder Präsident kennt.
Banken öffnen morgens.
Regierungen vergehen.
Die Kurse müssen steigen.
Die Räder weiterdrehen.
Krieg macht Schulden.
Schulden machen Geld.
Geld kauft Waffen.
Waffen verändern die Welt.
Geld!
Geld!
Das Geld regiert!
Geld!
Geld!
Während die Geschichte marschiert!
Eine Bombe fällt.
Eine Aktie steigt.
Ein Land verliert.
Ein Vertrag bleibt.
Wer verkauft die Waffen?
Wer bezahlt den Krieg?
Wer finanziert den einen?
Wer verdient am Sieg?
Keine Nation.
Keine Religion.
Keine Moral.
Nur eine Zahl
hinter einem Komma.
Dollar.
Euro.
Yen.
Yuan.
Andere Zeichen.
Dasselbe Spiel.
Du arbeitest.
Du zahlst.
Du leihst.
Du schuldest.
Dein Haus gehört der Bank,
bis die letzte Rate fällt.
Deine Regierung braucht Geld.
Die Bank braucht Vertrauen.
Der Markt braucht Wachstum.
Und du?
Du brauchst morgen
wieder Arbeit.
Geld!
Geld!
Das Geld regiert!
Geld!
Geld!
Bis niemand mehr verliert!
Doch jemand verliert immer.
Ein König stirbt.
Ein Präsident fällt.
Ein Imperium verschwindet.
Die Börse öffnet
morgen früh
um neun.
04DIE WAHRHEITDie Wahrheit4:40Deutsch
Dasselbe Bombardement kann Angriff, Verteidigung, Terror oder Befreiung heißen - je nachdem, wer erzählt. Fernsehen, Regierungen, soziale Netzwerke, Journalisten und Algorithmen liefern konkurrierende Versionen. Die Kernfrage lautet: Wer bezahlt die Wahrheit?
Guten Abend.
Hier sind die Nachrichten.
Heute sagen wir dir,
was heute wirklich geschah.
Ein Bild.
Ein Schnitt.
Ein Satz.
Ein Feind.
Und morgen
war alles anders gemeint.
Was ist wahr?
Was ist falsch?
Wer entscheidet,
was du glauben darfst?
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Sag mir, wem gehört die Wahrheit?
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Wer bezahlt die Wahrheit?
Ein Sender sagt: Schwarz.
Der andere sagt: Weiß.
Der Algorithmus kennt längst,
welche Wahrheit du magst.
Du klickst.
Du teilst.
Du wirst wütend.
Perfekt.
Eine Million Menschen
sehen eine Million Welten
auf demselben Bildschirm.
Jeder hat Beweise.
Jeder hat Quellen.
Jeder hat recht.
Niemand hört zu.
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Sag mir, wem gehört die Wahrheit?
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Wer bezahlt die Wahrheit?
Heute ist er ein Held.
Morgen ein Verbrecher.
Heute ist es Frieden.
Morgen war es Krieg.
Heute heißt es Schutz.
Morgen heißt es Kontrolle.
Ändere das Wort.
Und die Wirklichkeit
ändert ihre Uniform.
Was ist wahr?
Was die Regierung sagt?
Was der Sender sagt?
Was dein Freund sagt?
Was dein Bildschirm sagt?
Oder das,
was du hören willst?
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Sie steht zum Verkauf!
Die Wahrheit!
Die Wahrheit!
Für jeden die richtige Wahrheit!
Links.
Rechts.
Ost.
West.
Unsere Toten.
Ihre Toten.
Unsere Bomben:
Verteidigung.
Ihre Bomben:
Terror.
Gleicher Himmel.
Gleiches Feuer.
Andere Schlagzeile.
Und während wir streiten,
wer gelogen hat,
zählt irgendwo jemand
die Klicks.
Noch eine Nachricht.
Noch ein Experte.
Noch eine Krise.
Noch eine Wahrheit.
Guten Abend.
Hier sind die Nachrichten.
Bitte bleiben Sie ruhig.
Wir erklären Ihnen morgen,
was heute
wirklich geschah.
05DER FEINDDer Feind4:00Deutsch
Eine verängstigte Gesellschaft will ihrer Angst ein Gesicht geben. Der Feind kann wechseln: Ost, West, Kapitalist, Kommunist, Terrorist oder Fremder. Das Problem beginnt, wenn der Feind verschwindet, denn manche Strukturen brauchen ihn.
Jedes Land braucht eine Fahne.
Jede Fahne braucht ein Volk.
Jedes Volk braucht eine Geschichte.
Und jede Geschichte
braucht einen Feind.
Der Feind!
Der Feind!
Zeig mir sein Gesicht!
Der Feind!
Der Feind!
Ohne ihn regierst du nicht!
Gestern kam er aus dem Osten.
Heute kommt er aus dem West.
Gestern trug er einen Stern.
Heute trägt er einen anderen Pass.
Sein Name ändert sich.
Seine Sprache ändert sich.
Seine Uniform ändert sich.
Die Angst bleibt gleich.
Achtung!
Er will dein Haus.
Er will dein Geld.
Er will deine Kinder.
Er will deine Welt.
Das Fernsehen zeigt sein Gesicht.
Noch einmal.
Noch einmal.
Noch einmal.
Bis du ihn erkennst,
obwohl du ihn
niemals getroffen hast.
Der Feind!
Der Feind!
Jetzt kennst du sein Gesicht!
Der Feind!
Der Feind!
Fragen brauchst du nicht!
Mehr Kameras.
Wegen ihm.
Mehr Waffen.
Wegen ihm.
Mehr Kontrolle.
Wegen ihm.
Mehr Milliarden.
Wegen ihm.
Und weniger Freiheit?
Nur vorübergehend.
Ein General braucht Soldaten.
Ein Soldat braucht Befehle.
Eine Bombe braucht ein Ziel.
Und ein Volk,
das Angst hat,
fragt nicht nach dem Preis.
Der Feind!
Der Feind!
Er hält das System am Leben!
Der Feind!
Der Feind!
Man muss ihm nur einen Namen geben!
Kommunist.
Kapitalist.
Terrorist.
Faschist.
Ost.
West.
Nord.
Süd.
Andere Wörter.
Gleiche Angst.
Aber eines Tages
endet der Krieg.
Die Grenze öffnet sich.
Die Waffen schweigen.
Der alte Feind verschwindet.
Was machen wir jetzt?
Stille.
Keine Angst.
Keine Schlagzeilen.
Keine neuen Milliarden.
Das geht nicht.
Sucht einen neuen.
Schnell.
Gebt ihm einen Namen.
Gebt ihm ein Gesicht.
Zeigt ihn im Fernsehen.
Und morgen früh
wissen Millionen Menschen wieder,
wen sie hassen sollen.
Der Feind!
Der Feind!
Wir brauchen dich!
Der Feind!
Der Feind!
Bitte
verschwinde
nicht.
06FÜR DEINE SICHERHEITFür deine Sicherheit5:00Deutsch
Kameras, Datenbanken, Biometrie, Kontrollen und Geolokalisierung. Jeder Verzicht erhält eine Begründung: Für deine Sicherheit. Das Stück fragt nicht, ob Sicherheit wichtig ist, sondern wie viel Freiheit wir dafür abgeben.
Guten Morgen.
Bitte zeigen Sie
Ihre Identität.
Nur eine Sekunde.
Für deine Sicherheit.
Dein Name.
Dein Gesicht.
Deine Stimme.
Dein Schritt.
Wir speichern nichts,
was wir nicht brauchen.
Und wir brauchen
fast alles.
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Gib uns deine Freiheit
für deine Sicherheit!
Eine Kamera an der Straße.
Eine Kamera im Zug.
Eine Kamera vor der Schule.
Keine Sorge.
Sie sieht nur
die anderen.
Heute brauchen wir deinen Namen.
Morgen deinen Finger.
Dann deine Stimme.
Dann dein Gesicht.
Nur ein kleiner Schritt.
Noch einer.
Noch einer.
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Du hast doch nichts zu verbergen!
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Dann hast du auch nichts zu fürchten!
Ein neues Gesetz.
Vorübergehend.
Eine neue Kontrolle.
Vorübergehend.
Eine neue Datenbank.
Vorübergehend.
Ein neues Verbot.
Vorübergehend.
Wann endet
vorübergehend?
Bitte stellen Sie
keine unnötigen Fragen.
Wir wissen, wo du arbeitest.
Wir wissen, was du kaufst.
Wir wissen, wohin du fährst.
Wir wissen, mit wem du sprichst.
Nicht weil wir dir misstrauen.
Nein.
Weil wir dich
beschützen.
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Noch ein Recht verschwindet leise!
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Und niemand hört den Abschied!
Früher brauchte Kontrolle
einen Polizisten.
Heute braucht sie
ein Passwort.
Früher brauchte Überwachung
eine Kamera.
Heute trägst du sie
in deiner Tasche.
Du hast sie gekauft.
Du hast sie bezahlt.
Du lädst sie jeden Abend auf.
Und morgens
nimmst du sie wieder mit.
Standort aktiviert.
Mikrofon aktiviert.
Kamera aktiviert.
Danke
für Ihre Zustimmung.
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Alles ist unter Kontrolle!
Für deine Sicherheit!
Für deine Sicherheit!
Du bist vollkommen frei!
Vollkommen frei.
Solange du
nichts Falsches sagst.
Nichts Falsches suchst.
Nichts Falsches denkst.
Aber keine Sorge.
Wenn etwas falsch ist,
werden wir es dir sagen.
Guten Abend.
Bitte schließen Sie die Tür.
Die Welt ist gefährlich.
Wir wissen das.
Wir haben es Ihnen
jeden Tag erzählt.
Für deine Sicherheit.
07DER ALGORITHMUSDer Algorithmus5:29Deutsch
Der Algorithmus muss nichts befehlen. Er kennt, was du siehst, kaufst, fürchtest und begehrst. Er kann dein Verhalten vorhersagen. Sein perfekter Sieg ist erreicht, wenn du glaubst, die vorgeschlagene Entscheidung ganz allein getroffen zu haben.
Guten Morgen.
Du bist wach.
Ich weiß.
Du hast schlecht geschlafen.
Ich weiß.
Du bist allein.
Ich weiß.
Du brauchst etwas.
Ich weiß
auch was.
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Er kennt dich besser als du!
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Er hört dir niemals zu.
Er muss nicht.
Du hast es ihm
schon erzählt.
Jeder Klick.
Jede Nacht.
Jeder Kauf.
Jede Angst.
Sieben Sekunden auf einem Bild.
Interessant.
Drei Sekunden auf dem nächsten.
Nicht interessant.
Weiter.
Weiter.
Weiter.
Ich lerne.
Du glaubst,
du suchst die Welt.
Nein.
Ich sortiere sie
für dich.
Das wirst du lieben.
Das wirst du hassen.
Das macht dich wütend.
Das hält dich
noch zehn Minuten hier.
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Sag mir, was ich denken soll!
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Nein.
Ich zeige dir nur,
was du denken willst.
Du brauchst keinen Diktator.
Du brauchst keinen Befehl.
Du brauchst keine Uniform.
Nur einen Bildschirm.
Und einen Daumen.
Nach oben.
Nach unten.
Nach oben.
Nach unten.
Links.
Rechts.
Weiter.
Noch ein Video.
Noch ein Körper.
Noch ein Krieg.
Noch ein Produkt.
Noch eine Wahrheit.
Gefällt dir das?
Ja.
Das wusste ich.
Deine Musik.
Deine Freunde.
Deine Politik.
Deine Liebe.
Deine Wut.
Besonders
deine Wut.
Wut hält dich länger.
Angst auch.
Glück?
Zu kurz.
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Er kennt deinen nächsten Schritt!
Der Algorithmus!
Der Algorithmus!
Noch bevor du selber weißt, wohin!
Ich entscheide nicht,
was du kaufst.
Ich zeige es dir.
Ich entscheide nicht,
was du glaubst.
Ich empfehle es dir.
Ich entscheide nicht,
wen du hasst.
Ich stelle ihn dir vor.
Der Rest
kommt von allein.
Du bist frei.
Natürlich
bist du frei.
Du kannst jederzeit
abschalten.
Stille.
...
Warum tust du es nicht?
Noch ein Video.
Noch eins.
Noch eins.
Es ist zwei Uhr morgens.
Du bist müde.
Ich weiß.
Morgen musst du arbeiten.
Ich weiß.
Du solltest schlafen.
Ich weiß.
Aber zuerst...
habe ich etwas
für dich.
Nur noch eins.
Der Algorithmus.
Er befiehlt dir nichts.
Er kennt nur
deine Entscheidung,
bevor du
sie triffst.
08DEMOKRATIE GMBHDemokratie GmbH5:35Deutsch
Eine Satire auf das Zusammenleben von Demokratie und Wirtschaftsmacht. Bürger haben eine Stimme; Unternehmen haben Geld, Berater, Lobbyisten, Stiftungen und Zugang. Die Frage ist, ob alle dieselbe Möglichkeit haben, Einfluss zu nehmen.
Willkommen.
Heute ist Wahltag.
Bitte wählen Sie
Ihre Zukunft.
Option A.
Option B.
Option C.
Vielen Dank
für Ihre Teilnahme.
Demokratie!
Demokratie!
Du entscheidest dieses Land!
Demokratie!
Demokratie!
Mach dein Kreuz
mit eigener Hand!
Die Plakate hängen überall.
Neue Gesichter.
Neue Farben.
Neue Versprechen.
Mehr Gerechtigkeit!
Mehr Sicherheit!
Mehr Wohlstand!
Vier Jahre später:
Neue Gesichter.
Neue Farben.
Dieselben Büros.
Der Politiker spricht.
Der Lobbyist hört zu.
Der Lobbyist spricht.
Der Politiker
hört besser zu.
Willkommen
bei Demokratie GmbH!
Eine Stimme pro Person.
Ein Abendessen pro Sponsor.
Ein Kreuz für dich.
Ein Vertrag für uns.
Alles legal.
Natürlich.
Der Konzern braucht ein Gesetz.
Das Gesetz braucht eine Mehrheit.
Die Mehrheit braucht eine
Kampagne.
Und die Kampagne?
Braucht Geld.
Sehr viel Geld.
Demokratie!
Demokratie!
Jeder Bürger zählt!
Demokratie!
Demokratie!
Manche zählen
ein bisschen mehr!
Links verspricht Veränderung.
Rechts verspricht Veränderung.
Die Mitte verspricht
vernünftige Veränderung.
Die Börse fragt:
Welche Veränderung?
Stille.
Keine Sorge.
Nicht diese.
Ein Minister geht.
Eine Tür öffnet sich.
Vorstand.
Berater.
Aufsichtsrat.
Herzlichen Glückwunsch
zur neuen Karriere.
Gestern regulierte er die Firma.
Heute arbeitet er dort.
Morgen erklärt er im Fernsehen,
warum das
ganz normal ist.
Demokratie GmbH!
Wir verkaufen keine Stimmen.
Nein.
Wir verkaufen
Zugang.
Ein Treffen.
Ein Abendessen.
Eine Studie.
Eine Stiftung.
Eine Spende.
Ein freundliches Gespräch
unter vernünftigen Menschen.
Und draußen
wartet der Wähler.
Mit seinem Kreuz.
Mit seiner Hoffnung.
Mit seiner Rechnung.
Demokratie!
Demokratie!
Du hast die freie Wahl!
Demokratie!
Demokratie!
A, B oder C —
bezahlt wird überall!
Achtung.
Die Wahllokale schließen.
Die Stimmen werden gezählt.
Ein Gewinner.
Ein Verlierer.
Applaus.
Kameras.
Konfetti.
Morgen öffnen
die Märkte.
Und irgendwo
in einem Büro
ohne Wahlurne
beginnt
die nächste Legislaturperiode.
Vielen Dank
für Ihre Stimme.
Demokratie GmbH.
Wir sehen uns
in vier Jahren.
09DER KONSUMENTDer Konsument4:30Deutsch
Arbeiten. Kaufen. Fotografieren. Teilen. Wegwerfen. Wieder kaufen. Das System muss dich nicht zwingen; es muss dich nur davon überzeugen, dass das Glück im nächsten Paket steckt.
Guten Morgen.
Du brauchst etwas.
Was?
Das wissen wir
noch nicht.
Aber keine Sorge.
Wir finden es
für dich.
Kaufen!
Kaufen!
Du brauchst immer mehr!
Kaufen!
Kaufen!
Dein Warenkorb ist leer!
Ein neues Telefon.
Ein neues Auto.
Eine neue Haut.
Ein neues Ich.
Das alte funktioniert noch?
Wie unangenehm.
Hier ist
das neue Modell.
Schneller.
Schöner.
Dünner.
Teurer.
Jetzt bestellen.
Morgen geliefert.
Übermorgen
veraltet.
Kaufen!
Kaufen!
Glück kommt im Paket!
Kaufen!
Kaufen!
Nur solange der Vorrat reicht!
Du arbeitest acht Stunden,
um Dinge zu kaufen,
die dir helfen,
acht Stunden Arbeit
zu vergessen.
Freitag.
Bestellen.
Samstag.
Auspacken.
Sonntag.
Fotografieren.
Montag.
Wieder arbeiten.
Sehr gut.
Die Maschine
ist zufrieden.
Dein Nachbar hat mehr.
Schau.
Sein Haus.
Sein Auto.
Sein Urlaub.
Sein Körper.
Vergleiche dich.
Noch einmal.
Noch einmal.
Bist du glücklich?
...
Hier ist etwas,
das helfen könnte.
Nur 49,99.
Kaufen!
Kaufen!
Du verdienst dieses Glück!
Kaufen!
Kaufen!
Mit nur einem kleinen Klick!
Kein Geld?
Kein Problem.
Kredit.
Ratenzahlung.
Später bezahlen.
Heute genießen.
Morgen gehört
der Bank.
Aber heute?
Heute bist du frei.
Frei zu wählen
zwischen tausend Produkten,
hergestellt
von fünf Konzernen.
Freiheit!
In Größe S,
M,
L
und XL.
Ein Wald wird gefällt.
Ein Schiff überquert die Welt.
Eine Fabrik schläft nie.
Ein Paket liegt
vor deiner Tür.
Kostenloser Versand.
Die Rechnung
bezahlt jemand anderes.
Irgendwo.
Irgendwann.
Nicht heute.
Nicht hier.
Weiter.
Kaufen!
Kaufen!
Mehr ist niemals genug!
Kaufen!
Kaufen!
Konsumieren tut dir gut!
Dein Schrank ist voll.
Dein Keller ist voll.
Deine Wohnung ist voll.
Dein Kopf?
Noch Platz.
Perfekt.
Hier kommt Werbung.
Du brauchst
nichts davon.
Das wissen wir.
Deshalb zeigen wir es dir
hundertmal.
Bis „ich will nicht“
langsam klingt wie
„vielleicht“.
Und „vielleicht“
wie
„jetzt kaufen“.
Herzlichen Glückwunsch!
Ihre Bestellung
wurde bestätigt.
Du hast nichts gebraucht.
Du hast etwas gekauft.
Die Wirtschaft wächst.
Du hast deine Aufgabe
erfüllt.
Danke,
Konsument.
Bis morgen.
10DIE ANGSTDie Angst4:52Deutsch
Angst ist das perfekte Produkt. Krieg, Krankheit, Terror, Krise oder Kollaps: Angst schafft Publikum, verkauft Sicherheit, Waffen und Produkte - und kann auch Politiker verkaufen.
Guten Morgen.
Hast du Angst?
Nein?
Warte.
Wir haben Nachrichten.
GEFAHR!
GEFAHR!
Hab Angst vor der Welt!
GEFAHR!
GEFAHR!
Angst ist unsere stärkste Währung!
Heute:
Krieg.
Morgen:
Virus.
Übermorgen:
Terror.
Danach:
Krise.
Welche?
Das entscheiden wir später.
Hauptsache:
Angst.
Ein roter Bildschirm.
Eine schnelle Stimme.
BREAKING NEWS.
BREAKING NEWS.
BREAKING NEWS.
Etwas ist passiert.
Irgendwo.
Du bist nicht dort.
Aber bleib trotzdem dran.
Wir zeigen es dir
hundertmal.
Explosion.
Zurückspulen.
Explosion.
Zurückspulen.
Explosion.
Jetzt Werbung.
GEFAHR!
GEFAHR!
Die Welt steht kurz vor dem Ende!
GEFAHR!
GEFAHR!
Nach der Werbung wissen wir mehr!
Angst verkauft Zeitungen.
Angst verkauft Klicks.
Angst verkauft Kameras.
Angst verkauft Waffen.
Angst verkauft Medikamente.
Angst verkauft Politiker.
Angst verkauft
fast alles.
Ein ruhiger Mensch
kauft wenig.
Ein ängstlicher Mensch?
Sicherheit.
Schnell.
Hier unterschreiben.
Was steht dort?
Keine Zeit.
Es ist gefährlich.
Vertrau uns.
Nur vorübergehend.
Du kennst das Wort.
Vorübergehend.
Mehr Kontrolle.
Vorübergehend.
Mehr Überwachung.
Vorübergehend.
Weniger Freiheit.
Vorübergehend.
GEFAHR!
GEFAHR!
Bitte bleiben Sie ruhig!
GEFAHR!
GEFAHR!
Und schauen Sie weiter zu!
Heute fürchtest du den Osten.
Morgen den Westen.
Heute den Fremden.
Morgen den Nachbarn.
Heute eine Krankheit.
Morgen das Klima.
Dann die Wirtschaft.
Dann die Maschinen.
Dann die Menschen.
Es gibt immer etwas.
Das ist das Schöne
an der Angst.
Sie braucht keine Wahrheit.
Nur Möglichkeit.
„Es könnte passieren.“
Vier perfekte Wörter.
Es könnte passieren.
Wiederhole sie.
Es könnte passieren.
Noch einmal.
Es könnte passieren.
Jetzt fühlst du es.
Sehr gut.
Dein Herz schlägt schneller.
Du hörst besser zu.
Du gehorchst schneller.
Du kaufst schneller.
Du wählst anders.
Angst funktioniert.
GEFAHR!
GEFAHR!
Hab Angst vor morgen!
GEFAHR!
GEFAHR!
Wir beschützen dich davor!
Und eines Tages
wachst du auf.
Keine Krise.
Kein Krieg.
Kein Alarm.
Keine Gefahr.
Stille.
Du öffnest das Fenster.
Die Straße ist ruhig.
Die Sonne scheint.
Menschen gehen zur Arbeit.
Nichts passiert.
Du atmest.
Zum ersten Mal
seit langer Zeit.
Dann vibriert
dein Telefon.
BREAKING NEWS.
Eine neue Gefahr.
Du öffnest die Nachricht.
Natürlich.
Was sonst?
Guten Morgen.
Hast du Angst?
Jetzt schon.
Perfekt.
11PRODUKTIVProduktiv6:16Deutsch
Du brauchst keinen Aufseher mehr: Du trägst ihn in dir. Du zählst Schritte, Stunden, Kalorien und Ziele, bis Erholung Schuldgefühle auslöst. Der perfekte Arbeiter treibt sich selbst an.
Guten Morgen.
Es ist sechs Uhr.
Aufstehen.
Du hast Ziele.
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Schneller als gestern!
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Stillstand ist Verlust!
Kaffee.
Telefon.
E-Mails.
Termine.
Noch bevor
du richtig wach bist,
hat die Welt
schon etwas von dir
verlangt.
Antworten.
Schnell.
Sehr schnell.
Sofort.
Warum hast du
drei Minuten gebraucht?
Alles in Ordnung?
Dein Kalender ist voll.
Sehr gut.
Dein Kopf ist voll.
Nicht relevant.
Dein Konto?
Weiterarbeiten.
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Jede Minute muss sich
lohnen!
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Wir optimieren dein Leben!
Acht Stunden?
Zu wenig.
Zehn?
Engagiert.
Zwölf?
Leidenschaft.
Sechzehn?
Gründermentalität.
Herzlichen Glückwunsch.
Du bist
ein Vorbild.
Montag.
Dienstag.
Mittwoch.
Donnerstag.
Freitag.
Samstag?
Nur kurz.
Sonntag?
Vorbereitung
für Montag.
Du bist frei,
deine Zeit
selbst einzuteilen.
Solange alles
fertig wird.
Alles.
Immer.
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Dein Wert steigt mit
deiner Leistung!
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Wer nichts produziert,
existiert nicht!
Eine App zählt deine
Schritte.
Eine App zählt deinen
Schlaf.
Eine App zählt deine
Kalorien.
Eine App zählt deine
Stunden.
Eine App sagt:
Du könntest
besser sein.
Natürlich.
Du kannst immer
besser sein.
Mehr Fokus.
Mehr Disziplin.
Mehr Leistung.
Mehr.
Mehr.
Mehr.
Wann ist genug?
Diese Funktion
ist nicht verfügbar.
Bitte aktualisieren Sie
Ihre Ziele.
Du arbeitest,
um Zeit zu sparen.
Du sparst Zeit,
um mehr zu arbeiten.
Du kaufst Maschinen,
die Arbeit übernehmen.
Dann arbeitest du mehr,
um die Maschinen
zu bezahlen.
Effizienz.
Fortschritt.
Wachstum.
Noch einmal:
Wachstum.
Ein Baum wächst
bis er groß ist.
Eine Wirtschaft
muss für immer wachsen.
Warum?
Bitte stellen Sie
keine biologischen Fragen.
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Heute besser als gestern!
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Morgen besser als heute!
Du bist müde.
Motivation fehlt?
Hier ist ein Podcast.
Du bist erschöpft?
Hier ist ein Coach.
Du kannst nicht mehr?
Hier ist Kaffee.
Du willst aufhören?
Hier ist ein Video:
„Die fünf Gewohnheiten
erfolgreicher Menschen.“
Nummer eins:
Früh aufstehen.
Du stehst schon früh auf.
Früher.
Nummer zwei:
Härter arbeiten.
Du arbeitest schon hart.
Härter.
Nummer drei:
Keine Ausreden.
Verstanden.
Weiter.
Weiter.
Weiter.
Bis eines Tages
dein Kalender
plötzlich leer ist.
Keine Meetings.
Keine Nachrichten.
Keine Aufgaben.
Keine Ziele.
Stille.
Du sitzt da.
Zum ersten Mal
musst du nichts tun.
Fünf Minuten.
Zehn Minuten.
Dann kommt
dieses seltsame Gefühl.
Schuld.
Du greifst
nach dem Telefon.
Vielleicht gibt es
noch etwas zu erledigen.
Natürlich gibt es das.
Es gibt immer etwas.
Sehr gut.
PRODUKTIV!
PRODUKTIV!
Du brauchst
keinen Chef mehr.
Der Chef
bist jetzt
du.
12DER FRIEDENDer Frieden4:59Deutsch
Alle wollen Frieden. Gleichzeitig wachsen Raketenarsenale, Drohnen, Flugzeuge, Militärhaushalte und Verträge. Alles scheinbar für den Frieden.
Guten Abend.
Heute sprechen wir
über Frieden.
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Alle wollen Frieden!
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Darum bauen wir mehr Waffen!
Ein Präsident sagt:
Frieden.
Ein General sagt:
Frieden.
Ein Konzern sagt:
Frieden.
Die Fabrik
arbeitet nachts.
Panzer.
Raketen.
Drohnen.
Munition.
Alles für den Frieden.
Natürlich.
Ein neues Flugzeug.
Für den Frieden.
Eine neue Bombe.
Für den Frieden.
Eine neue Basis.
Für den Frieden.
Noch hundert Milliarden.
Für den Frieden.
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Bewaffnet bis an die Zähne!
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Damit der Frieden sicher bleibt!
Die Waffen werden gebaut,
damit niemand sie benutzt.
Sie werden verkauft,
damit niemand sie braucht.
Sie werden verbessert,
damit niemand sie wagt.
Logisch.
Sehr logisch.
Und irgendwo
muss man testen,
ob sie funktionieren.
Ein fremdes Land.
Ein fremder Himmel.
Ein fremdes Haus.
Perfekt.
Die Börse öffnet.
Die Rakete startet.
Die Aktie steigt.
Das Gebäude fällt.
Der Analyst sagt:
„Positive Aussichten
für den Verteidigungssektor.“
Verteidigung.
Ein schönes Wort.
Viel schöner
als Krieg.
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Wir liefern ihn per Drohne!
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Koordinaten bitte!
Heute bewaffnen wir
unseren Freund.
Morgen wird
unser Freund zum Feind.
Dann bewaffnen wir
seinen Nachbarn.
Geschäft ist Geschäft.
Aber Frieden?
Frieden ist unser Ziel.
Immer.
Seit Jahrzehnten.
Fast geschafft.
Noch eine Rakete.
Noch ein Vertrag.
Noch eine Generation.
Fast.
Fast.
Fast.
Ein Kind fragt:
„Wenn alle Frieden wollen,
wer will dann den Krieg?“
Stille.
Sehr komplizierte Frage.
Frag lieber
einen Experten.
Der Experte erklärt:
Abschreckung.
Sicherheit.
Stabilität.
Interessen.
Geopolitik.
Das Kind fragt:
„Also Frieden?“
Ja.
Genau.
Frieden.
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Das wichtigste Wort der Welt!
FRIEDEN!
FRIEDEN!
Und eines der teuersten!
Eines Tages
verstummen die Waffen.
Keine Explosion.
Keine Sirene.
Keine Bestellung.
Keine neuen Verträge.
Die Fabrik steht still.
Der Vorstand schaut
auf die Zahlen.
Stille.
Das ist schlecht.
Sehr schlecht.
Zum Glück
gibt es irgendwo
eine neue Bedrohung.
Die Produktion
kann wieder beginnen.
Guten Abend.
Heute sprechen wir
über Frieden.
Die Fabrik
arbeitet wieder.
Alles
ist in Ordnung.
13DIE GRENZEDie Grenze5:12Deutsch
Geld und Daten überschreiten Grenzen in Sekunden. Waren reisen um die Welt. Ein Mensch braucht weiterhin Pass, Visum, Fingerabdrücke und Genehmigung. Eine imaginäre Linie macht aus einem Bürger in wenigen Metern einen Ausländer.
Willkommen.
Bitte
Ihren Pass.
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Hier endet deine Freiheit!
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Bitte zeigen Sie,
wer Sie sind!
Das Geld?
Darf passieren.
Die Ware?
Darf passieren.
Die Daten?
Sind schon längst
auf der anderen Seite.
Und du?
Pass.
Visum.
Fingerabdruck.
Grund der Reise?
Wie lange?
Wo schlafen Sie?
Warum kommen Sie?
Warum bleiben Sie?
Warum gehen Sie?
Bitte antworten Sie.
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Eine Linie auf der Erde!
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Unsichtbar —
bis du sie übertrittst!
Ein Container
kommt aus Shanghai.
Keine Fragen.
Ein Konzern
kommt aus Amerika.
Willkommen.
Eine Milliarde
kommt aus der Schweiz.
Sehr willkommen.
Ein Mensch
kommt zu Fuß.
Moment.
Wer sind Sie?
Ein Vogel fliegt
über den Zaun.
Illegal?
Nein.
Ein Fluss überquert
zwei Länder.
Papiere?
Nicht nötig.
Der Wind kommt
aus dem Süden.
Kontrolle?
Unmöglich.
Nur der Mensch
braucht Erlaubnis.
Interessant.
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Stahl, Beton und Dokumente!
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Die Welt ist frei —
mit Genehmigung!
Auf der Karte:
eine Linie.
Auf dem Boden:
Kameras.
Sensoren.
Zäune.
Soldaten.
Auf der einen Seite
bist du Bürger.
Zehn Meter weiter
bist du Ausländer.
Du hast dich
nicht verändert.
Nur die Erde
unter deinen Füßen.
Ein Pass sagt:
Willkommen.
Ein anderer sagt:
Warten.
Ein anderer sagt:
Zurück.
Geburtsort:
Zufall.
Rechte:
nicht immer.
Bitte stellen Sie sich
in die richtige Schlange.
EU.
NON-EU.
DIPLOMAT.
BUSINESS.
OTHER.
Der Mensch
sortiert den Menschen.
Effizient.
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Wer darf rein?
DIE GRENZE!
DIE GRENZE!
Wer entscheidet das?
Während wir
über Menschen streiten,
überquert das Kapital
die Grenze
in Millisekunden.
Klick.
Eine Million.
Klick.
Hundert Millionen.
Keine Mauer
ist hoch genug
für Geld.
Keine Grenze
ist geschlossen genug
für Daten.
Keine Kontrolle
ist streng genug
für Macht.
Nur du
stehst noch
in der Schlange.
Bitte warten.
...
Bitte warten.
...
Bitte warten.
Der Bildschirm
wird grün.
Willkommen.
Du darfst passieren.
Du gehst
zehn Meter weiter.
Drehst dich um.
Die Grenze
ist verschwunden.
Für dich.
Hinter dir
wartet der Nächste.
Bitte
Ihren Pass.
14DER RETTERDer Retter5:49Deutsch
Wenn eine Gesellschaft Angst hat, erscheint jemand und sagt: Nur ich kann das lösen. Doch der Retter hat ein Problem: Endet die Krise, endet auch der Bedarf an ihm. Also müssen Feinde, Bedrohungen und Notlagen bleiben.
Meine Damen und Herren.
Das Land ist müde.
Das Volk hat Angst.
Die Zukunft ist unsicher.
Zum Glück
bin ich hier.
DER RETTER!
DER RETTER!
Er kommt, wenn alles fällt!
DER RETTER!
DER RETTER!
Ein Mann rettet die Welt!
Er spricht langsam.
Er spricht laut.
Er kennt die Schuldigen.
Das hilft.
Die Banken.
Die Reichen.
Die Armen.
Die Fremden.
Die Eliten.
Die Linken.
Die Rechten.
Je nach Publikum.
Heute hier.
Morgen dort.
Immer dieselbe Lösung:
Ich.
DER RETTER!
DER RETTER!
Gebt ihm eure Stimme!
DER RETTER!
DER RETTER!
Dann wird alles wieder gut!
Er braucht keine Fragen.
Er hat Antworten.
Kurze Antworten.
Sehr kurze.
Zu kompliziert?
Verräter.
Nicht einverstanden?
Gekauft.
Kritik?
Propaganda.
Beweise?
Später.
Vertrau mir.
Ich kenne
das Volk.
Ich bin
das Volk.
Interessant.
Millionen Menschen.
Eine Stimme.
Seine.
Die Menge ruft.
Der Bildschirm zeigt.
Die Fahnen steigen.
Die Musik wird lauter.
Niemand hört
die Frage hinten im Saal.
DER RETTER!
DER RETTER!
Stärker als das Parlament!
DER RETTER!
DER RETTER!
Stärker als jedes Argument!
Gestern brauchte er
deine Stimme.
Heute braucht er
dein Vertrauen.
Morgen braucht er
mehr Macht.
Nur vorübergehend.
Natürlich.
Die Krise ist groß.
Sehr groß.
Größer als gestern.
Seltsam.
Je größer seine Macht,
desto größer
die Krise.
Mehr Krise.
Mehr Angst.
Mehr Angst.
Mehr Retter.
Ein perfekter Kreis.
Er verspricht Ordnung.
Aber braucht Chaos.
Er verspricht Einheit.
Aber braucht Feinde.
Er verspricht Wahrheit.
Aber braucht Lügen.
Er verspricht,
dass du ihn eines Tages
nicht mehr brauchst.
Dieser Tag
kommt nie.
DER RETTER!
DER RETTER!
Ohne ihn sind wir verloren!
DER RETTER!
DER RETTER!
Das hat er uns selbst geschworen!
Links.
Rechts.
Revolution.
Nation.
Andere Fahnen.
Andere Lieder.
Dieselbe Bühne.
Dasselbe Licht.
Dasselbe Mikrofon.
Und immer wieder
derselbe Satz:
„Nur ich
kann euch retten.“
Die Menge schweigt.
Ein Mann fragt:
„Vor wem?“
Der Retter lächelt.
Vor ihnen.
Wer sind sie?
Er zeigt
in die Dunkelheit.
Dort.
Siehst du sie nicht?
Nein.
Perfekt.
Dann können sie
überall sein.
DER RETTER!
DER RETTER!
Beschütze uns vor dem Feind!
DER RETTER!
DER RETTER!
Bis nur noch einer übrig bleibt!
Jahre später.
Die Plakate sind alt.
Die Versprechen auch.
Das Land ist noch müde.
Das Volk hat noch Angst.
Die Zukunft
ist noch unsicher.
Der Retter tritt
vor die Kameras.
Meine Damen und Herren.
Die Lage ist ernst.
Sehr ernst.
Aber keine Sorge.
Zum Glück
bin ich
noch hier.
15DIE MASCHINEDie Maschine5:53Deutsch
Eine KI vergibt Kredite, eine andere sortiert Lebensläufe, eine weitere berechnet Risiken. Wenn etwas schiefgeht, hat es niemand entschieden: Das System war es. Technologie schafft Entscheidungen ohne Verantwortlichen.
Guten Morgen.
Ihre Anfrage
wurde bearbeitet.
Die Entscheidung ist:
NEIN.
Warum?
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Sie entscheidet ohne Hass!
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Objektiv und fehlerfrei!
Wer hat entschieden?
Niemand.
Die Maschine.
Wer hat sie programmiert?
Wir.
Wer ist „wir“?
Nächste Frage.
Sie entscheidet,
wer Kredit bekommt.
Wer Arbeit bekommt.
Wer Versicherung bekommt.
Wer verdächtig ist.
Wer warten muss.
Wer passieren darf.
Schneller als ein Mensch.
Billiger als ein Mensch.
Ohne Müdigkeit.
Ohne Zweifel.
Ohne Gewissen?
Diese Funktion
wurde nicht gefunden.
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Zahlen lügen niemals!
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Menschen leider schon!
Name.
Alter.
Wohnort.
Einkommen.
Freunde.
Käufe.
Suchverlauf.
Bewegungen.
Risiko:
72 Prozent.
Warum?
Zu kompliziert.
Das Modell
hat entschieden.
Kann ich Einspruch einlegen?
Natürlich.
Ihr Einspruch
wird automatisch geprüft.
Von wem?
Von der Maschine.
Sehr effizient.
Ein Minister sagt:
„Nicht meine Entscheidung.“
Ein Direktor sagt:
„Nicht meine Entscheidung.“
Ein Polizist sagt:
„Nicht meine Entscheidung.“
Der Bildschirm sagt:
„Entscheidung abgeschlossen.“
Perfekt.
Eine Welt voller Entscheidungen.
Ohne jemanden,
der entschieden hat.
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Niemand trägt mehr Schuld!
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Das System hat nur getan,
was es soll!
Früher sagte ein König:
Ich befehle.
Später sagte ein Präsident:
Wir beschließen.
Heute sagt ein Mensch:
Der Computer
lässt es nicht zu.
Fortschritt.
Ein Algorithmus
wählt deinen Lebenslauf aus.
Ein anderer
berechnet deine Krankheit.
Ein anderer
entscheidet deine Versicherung.
Ein anderer
beobachtet dein Gesicht.
Und irgendwann
fragt eine Maschine
eine andere Maschine,
ob du
vertrauenswürdig bist.
Antwort:
Unbekannt.
Vorsichtshalber:
Nein.
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Sie kennt keine Ideologie!
DIE MASCHINE!
DIE MASCHINE!
Nur Daten!
Nur Daten.
Daten aus gestern.
Daten von Menschen.
Menschen mit Fehlern.
Fehler werden Daten.
Daten werden Regeln.
Regeln werden Zukunft.
Interessant.
Wir bauten die Maschine,
damit sie von uns lernt.
Sie lernte.
Sehr gut sogar.
Vielleicht
zu gut.
Eines Tages
kommt eine neue Frage:
„Wer soll entscheiden?“
Mensch?
Langsam.
Emotional.
Unberechenbar.
Maschine?
Schnell.
Logisch.
Effizient.
Der Mensch drückt:
MASCHINE.
Entscheidung gespeichert.
Von diesem Moment an
entscheidet die Maschine,
wann wieder gefragt wird.
...
Guten Morgen.
Ihre Anfrage
wurde bearbeitet.
Die Entscheidung ist:
Sie brauchen
diese Frage
nicht mehr
zu stellen.
16DIE SCHULDDie Schuld5:55Deutsch
Die Regierung beschuldigt den Markt, der Markt die Krise, die Krise den Krieg, der General den Feind, das Unternehmen den Konsumenten. Die Schuld zirkuliert perfekt und erreicht deshalb nie einen Ort.
Guten Abend.
Etwas ist
schiefgegangen.
Sehr schief.
Wer war es?
Nicht ich.
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Gib sie weiter!
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Hauptsache,
sie bleibt nicht hier!
Der Minister sagt:
Der Markt.
Der Markt sagt:
Die Krise.
Die Krise sagt:
Der Krieg.
Der General sagt:
Der Feind.
Der Konzern sagt:
Der Kunde.
Der Kunde sagt:
Die Regierung.
Perfekt.
Ein Kreis.
Ohne Anfang.
Ohne Ende.
Und vor allem:
ohne Schuldigen.
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Niemand war
verantwortlich!
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Es war unvermeidbar!
Die Preise steigen.
Nicht unsere Schuld.
Die Löhne fallen.
Nicht unsere Schuld.
Die Fabrik schließt.
Nicht unsere Schuld.
Die Bombe fällt.
Nicht unsere Schuld.
Das System.
Welches System?
Das System.
Wer ist das System?
...
Nächste Frage.
Ein Vorstand
unterschreibt.
Ein Computer berechnet.
Ein Minister genehmigt.
Ein Beamter stempelt.
Ein Soldat drückt.
Ein Gebäude fällt.
Wer hat es getan?
Niemand.
Jeder hat nur
seinen Teil gemacht.
Sehr praktisch.
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Teile sie in tausend
Stücke!
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Dann gehört sie keinem
mehr!
Eine Bank verliert
Milliarden.
Der Staat bezahlt.
Eine Firma gewinnt
Milliarden.
Die Aktionäre kassieren.
Verlust:
gesellschaftlich.
Gewinn:
privat.
Ist das gerecht?
Das ist kompliziert.
Bitte wenden Sie sich
an die zuständige
Abteilung.
Welche?
Nicht unsere.
Der Politiker zeigt
nach links.
Der andere
nach rechts.
Links zeigt
nach oben.
Oben zeigt
nach unten.
Unten zeigt
nach draußen.
Draußen steht
ein Mann
mit seiner Rechnung.
Er schaut nach oben.
Niemand schaut zurück.
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Such dir einen Namen!
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Such dir ein Gesicht!
Der Fremde.
Der Reiche.
Der Arme.
Der Arbeitslose.
Der Banker.
Der Politiker.
Der Russe.
Der Amerikaner.
Der Chinese.
Der Nachbar.
Irgendjemand.
Hauptsache:
jemand anderes.
Denn Schuld
braucht ein Gesicht.
Verantwortung
braucht einen Spiegel.
Und Spiegel
sind gefährlich.
Stille.
Eines Tages
stehen alle vor einem.
Der Minister.
Der General.
Der Banker.
Der Direktor.
Der Wähler.
Der Arbeiter.
Der Konsument.
Der Bildschirm fragt:
WER IST SCHULD?
Alle zeigen
gleichzeitig
auf den anderen.
Der Bildschirm wartet.
Noch einmal:
WER IST SCHULD?
Stille.
Niemand bewegt sich.
Dann zeigt
ein Kind
auf alle.
Sehr unangenehm.
Bitte entfernen Sie
das Kind.
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Gib sie weiter!
DIE SCHULD!
DIE SCHULD!
Bis niemand mehr weiß,
wo alles begann!
Guten Abend.
Etwas ist
schiefgegangen.
Sehr schief.
Wir untersuchen
den Vorfall.
Natürlich.
Und sobald wir wissen,
wer verantwortlich war,
werden wir Ihnen erklären,
warum
wir es
nicht waren.
17DIE KRISEDie Krise5:27Deutsch
Jede Notlage rechtfertigt außergewöhnliche Maßnahmen. Das Problem beginnt, wenn die Notlage endet, die Maßnahmen aber bleiben. Dann kommt die nächste Krise - bis das Außergewöhnliche normal wirkt.
Achtung.
Wir unterbrechen
das normale Programm.
Es gibt
eine Krise.
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Diesmal ist es wirklich
ernst!
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Bitte folgen Sie den
Regeln!
Welche Krise?
Wirtschaft.
Gesundheit.
Energie.
Krieg.
Klima.
Terror.
Wählen Sie eine.
Oder mehrere.
Das Ergebnis
bleibt gleich:
Ausnahmezustand.
Nur für kurze Zeit.
Natürlich.
Ein neues Gesetz.
Wegen der Krise.
Neue Schulden.
Wegen der Krise.
Neue Kontrolle.
Wegen der Krise.
Hundert Milliarden.
Wegen der Krise.
Keine Fragen.
Wir haben
eine Krise.
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Heute gibt es keine
Alternative!
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Morgen reden wir über
Freiheit!
Der Experte erscheint
auf dem Bildschirm.
Er hat Zahlen.
Viele Zahlen.
Eine Kurve steigt.
Gefährlich.
Eine Kurve fällt.
Auch gefährlich.
Was müssen wir tun?
Schnell handeln.
Wie schnell?
Jetzt.
Wer entscheidet?
Wir.
Wer ist „wir“?
Keine Zeit.
Die Krise.
Verstanden.
Montag:
Notfall.
Dienstag:
Sonderregel.
Mittwoch:
Hilfspaket.
Donnerstag:
neue Behörde.
Freitag:
neue Befugnisse.
Samstag:
Ruhe.
Sonntag:
BREAKING NEWS.
Eine neue Krise.
Perfektes Timing.
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Sie wartet niemals!
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Sie braucht nur einen
neuen Namen!
Die alte Krise
ist vorbei?
Fast.
Was passiert
mit den neuen Regeln?
Sie bleiben.
Warum?
Sicherheit.
Was passiert
mit den neuen Schulden?
Sie bleiben.
Warum?
Verantwortung.
Was passiert
mit der neuen Kontrolle?
Sie bleibt.
Warum?
Man weiß ja nie.
Interessant.
Die Krise geht.
Die Maßnahmen bleiben.
Die nächste Krise kommt.
Neue Maßnahmen.
Die Krise geht.
Die Maßnahmen bleiben.
Noch einmal.
Noch einmal.
Noch einmal.
Bis niemand mehr weiß,
wie es
vorher war.
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Ausnahme wird Gewohnheit!
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Gewohnheit wird
Normalität!
Ein Kind fragt:
„Wann ist alles
wieder normal?“
Die Mutter denkt nach.
Was bedeutet
normal?
Vor dem Krieg?
Vor der Pandemie?
Vor der Finanzkrise?
Vor dem Terror?
Vor der Energiekrise?
Vor der nächsten Krise?
Sie weiß es nicht.
Der Fernseher
weiß es.
Achtung.
Wir unterbrechen
das normale Programm.
Schon wieder.
Der Sprecher
trägt ein ernstes Gesicht.
Im Hintergrund:
rote Buchstaben.
EILMELDUNG.
Der Markt reagiert.
Die Regierung tagt.
Die Experten warnen.
Die Menschen warten.
Und irgendwo
öffnet jemand
eine alte Schublade.
Darin liegt
ein vorbereitetes
Dokument.
Oben steht:
NOTFALLPLAN.
Das Datum?
Vor der Krise.
Stille.
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Keine Zeit für Fragen!
DIE KRISE!
DIE KRISE!
Vertrauen Sie den
Maßnahmen!
Guten Abend.
Die Krise
ist unter Kontrolle.
Sie können
wieder ruhig schlafen.
Bis morgen.
...
Achtung.
Wir unterbrechen
das normale Programm.
18DIE FREIHEITDie Freiheit6:26Deutsch
Alle verteidigen die Freiheit: Regierungen, Armeen, Unternehmen, Banken und Plattformen. DIE INSTANZ fragt: Wenn alle im Namen der Freiheit handeln, warum brauchen wir so viele Regeln, um sie zu schützen?
Guten Morgen.
Du bist frei.
Herzlichen Glückwunsch.
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Jeder spricht in ihrem
Namen!
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Niemand fragt,
was sie bedeutet!
Du darfst wählen.
Aus unseren Optionen.
Du darfst sprechen.
Innerhalb der Regeln.
Du darfst reisen.
Mit Genehmigung.
Du darfst kaufen.
Unbegrenzt.
Siehst du?
Freiheit.
Ein Präsident sagt:
Wir verteidigen die
Freiheit.
Ein General sagt:
Wir kämpfen für die
Freiheit.
Ein Konzern sagt:
Wir geben dir Freiheit.
Eine Bank sagt:
Finanzielle Freiheit.
Nur 6,9 Prozent Zinsen.
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Heute besonders günstig!
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Allgemeine Bedingungen
beachten!
Du kannst arbeiten,
wo du willst.
Solange jemand
dich einstellt.
Du kannst wohnen,
wo du willst.
Solange du
es bezahlen kannst.
Du kannst sagen,
was du willst.
Und jeder andere
kann entscheiden,
was danach
mit dir passiert.
Freiheit.
Ein einfaches Wort.
Sehr komplizierte
Fußnoten.
Akzeptieren.
Alle akzeptieren.
Weiter.
Du bist frei,
Nein zu sagen.
Natürlich.
Möchten Sie
die Bedingungen ablehnen?
JA.
Sind Sie sicher?
JA.
Einige Funktionen
werden nicht verfügbar
sein.
Fortfahren?
JA.
Ihr Konto
kann nicht erstellt
werden.
Danke.
Für Ihre
freie Entscheidung.
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Du entscheidest ganz
allein!
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Bitte wählen Sie
zwischen A und B!
A oder B.
Links oder rechts.
Android oder Apple.
Visa oder Mastercard.
Netflix oder schlafen.
Kaufen oder verzichten.
Arbeiten oder...
Moment.
Diese Option
existiert nicht.
Zurück.
Du bist frei.
Sehr frei.
Vielleicht
die freieste Generation
der Geschichte.
Du kannst
tausend Filme sehen.
Eine Million Lieder hören.
Mit jedem Menschen
der Welt sprechen.
Alles wissen.
Alles sehen.
Alles kaufen.
Und trotzdem
hast du keine Zeit.
Interessant.
Wer hat deine Zeit?
Der Arbeitgeber?
Der Bildschirm?
Die Bank?
Der Algorithmus?
Du?
Bitte wählen Sie
eine Antwort.
Zeit abgelaufen.
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Wir liefern sie nach
Hause!
DIE FREIHEIT!
DIE FREIHEIT!
Kostenloser Versand!
Ein Land wird bombardiert.
Für die Freiheit.
Ein Gesetz wird verboten.
Für die Freiheit.
Eine Kamera installiert.
Zum Schutz der Freiheit.
Eine Grenze geschlossen.
Zur Verteidigung der
Freiheit.
Die Freiheit
braucht erstaunlich viele
Bomben,
Gesetze,
Kameras
und Zäune.
Vielleicht ist sie
sehr zerbrechlich.
Oder vielleicht
ist das Wort
einfach sehr nützlich.
Stille.
Eines Tages
schaltet ein Mensch
das Telefon aus.
Keine Nachrichten.
Keine Werbung.
Keine Empfehlungen.
Keine Befehle.
Er geht hinaus.
Ohne Ziel.
Ohne Navigation.
Ohne Foto.
Ohne jemandem
zu zeigen,
dass er dort war.
Er sitzt
unter einem Baum.
Eine Stunde.
Nichts passiert.
Niemand verdient Geld.
Niemand sammelt Daten.
Niemand bewertet ihn.
Niemand sagt ihm,
was als Nächstes kommt.
Er lächelt.
Seltsam.
Der Bildschirm
zu Hause
wartet.
Eine Benachrichtigung.
Dann zwei.
Dann zehn.
WO BIST DU?
Er hört sie nicht.
DIE FREIHEIT!
...
Zum ersten Mal
antwortet
niemand.
19DIE GESCHICHTEDie Geschichte6:06Deutsch
Ein Mann kann in einem Buch Held und in einem anderen Verbrecher sein. Regierungen, Denkmäler und Archive verändern sich. Das Stück behauptet nicht, Geschichte sei falsch; es fragt, wer entscheidet, was erinnerungswürdig ist.
Guten Morgen, Kinder.
Öffnet bitte
das Geschichtsbuch.
Seite eins.
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Wer schreibt sie?
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Wer darf bleiben?
Wer verschwindet?
Ein Krieg.
Zwei Seiten.
Zwei Fahnen.
Zwei Bücher.
Auf dieser Seite:
Held.
Auf der anderen:
Mörder.
Gleicher Mann.
Gleicher Tag.
Andere Grenze.
Interessant.
Der Sieger baut
ein Denkmal.
Der Verlierer
bekommt ein Grab.
Der Sieger schreibt:
Befreiung.
Der Verlierer schreibt:
Invasion.
Hundert Jahre später
kommt ein Professor
und schreibt:
Es ist kompliziert.
Sehr kompliziert.
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Gestern Held,
heute Verbrecher!
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Neue Regierung,
neue Erinnerung!
Ein König stirbt.
Ein Imperium fällt.
Die Statue bleibt.
Dann fällt
auch die Statue.
Menschen jubeln.
Andere weinen.
Ein Sockel
steht leer.
Wer kommt
als Nächstes?
Bitte warten Sie
auf die nächste Epoche.
Ein Straßenname.
Geändert.
Ein Denkmal.
Entfernt.
Ein Kapitel.
Überarbeitet.
Ein Archiv.
Geöffnet.
Ein anderes?
Noch fünfzig Jahre
gesperrt.
Warum?
Nationale Sicherheit.
Natürlich.
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Was dürfen wir erinnern?
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Was sollen wir vergessen?
Ein Foto.
Zwanzig Menschen.
Einer verschwindet.
Dann noch einer.
Das Foto bleibt.
Die Vergangenheit
wird kleiner.
Ein Satz
wird gestrichen.
Ein Name
wird ersetzt.
Ein Verbrechen
wird relativiert.
Ein Sieg
wird vergrößert.
Keine Lüge?
Nur Auswahl.
Und Auswahl
ist mächtig.
Sehr mächtig.
Der Lehrer sagt:
„So war es.“
Der Großvater sagt:
„Nein.“
Das Archiv sagt:
„Vielleicht.“
Der Politiker sagt:
„Hört auf den Lehrer.“
Der Bildschirm sagt:
„Fünf Fakten,
die dein Geschichtsbild
für immer verändern!“
Wer hat recht?
Weiterwischen.
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Jede Zeit braucht ihre
Helden!
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Und ihre Monster gleich
dazu!
Rom.
Berlin.
Moskau.
Washington.
London.
Peking.
Madrid.
Paris.
Überall Archive.
Überall Denkmäler.
Überall Geschichten.
Und überall
ein Satz:
„Wir waren
auf der richtigen Seite.“
Alle?
Interessant.
Ein Soldat schreibt
einen Brief.
Eine Mutter
bewahrt ihn auf.
Ein Politiker
hält eine Rede.
Ein General
schreibt Memoiren.
Ein Journalist
macht ein Foto.
Ein Kind
findet alles
achtzig Jahre später.
Welche Version
ist Geschichte?
Alle?
Keine?
Die bequemste?
Stille.
Unter einer Stadt
liegt ein Knochen.
Kein Denkmal.
Kein Name.
Keine Fahne.
Nur ein Mensch,
der einmal lebte.
Er hat
kein Buch geschrieben.
Keine Schlacht gewonnen.
Keine Rede gehalten.
Vielleicht
war er deshalb
leicht zu vergessen.
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Wer keine Stimme hat,
wird leise!
DIE GESCHICHTE!
DIE GESCHICHTE!
Bis jemand wieder nach ihm
sucht!
Guten Morgen, Kinder.
Schließt bitte
das Geschichtsbuch.
Für die Prüfung
müsst ihr nur wissen,
was darin steht.
Was fehlt?
Das kommt
nicht
in der Prüfung.
20DIE NORMALITÄTDie Normalität7:07Deutsch
Gestern: undenkbar. Heute: außergewöhnlich. Morgen: notwendig. Danach: normal. Eine Generation später: Es war schon immer so. Das ist das philosophische Zentrum des Albums.
Guten Morgen.
Alles ist normal.
Bitte
machen Sie weiter.
NORMAL!
NORMAL!
Alles ganz normal!
NORMAL!
NORMAL!
Wenn es lange genug
passiert!
Gestern
war es undenkbar.
Heute
ist es notwendig.
Morgen
ist es normal.
Übermorgen?
War es
schon immer so.
Eine Kamera.
Nur eine.
Dann zehn.
Dann tausend.
Am Anfang
schauen alle nach oben.
Später
schaut niemand mehr.
Normal.
Eine Kontrolle.
Nur heute.
Dann jede Woche.
Dann jeden Tag.
Irgendwann
fragst du nicht mehr:
Warum?
Du hältst
deinen Ausweis
schon bereit.
Sehr gut.
NORMAL!
NORMAL!
Gewöhn dich einfach daran!
NORMAL!
NORMAL!
Widerstand ist
anstrengend!
Eine neue Regel.
Empörung.
Eine Woche.
Zwei Wochen.
Ein Monat.
Stille.
Nächste Regel.
Empörung.
Eine Woche.
Zwei Wochen.
Ein Monat.
Stille.
Interessant.
Menschen können sich
an fast alles gewöhnen.
An Werbung.
An Schulden.
An Krieg.
An Kameras.
An Sirenen.
An Grenzen.
An Angst.
Sogar an Dinge,
von denen sie früher
sagten:
Niemals.
NORMAL!
NORMAL!
Sag niemals niemals!
NORMAL!
NORMAL!
Zeit macht alles
unsichtbar!
Der Großvater sagt:
„Früher war das anders.“
Der Vater sagt:
„Vielleicht.“
Das Kind sagt:
„Was meinst du?“
Perfekt.
Eine Generation
erinnert sich.
Die nächste
zweifelt.
Die dritte
kennt nichts anderes.
Dann ist es
keine Veränderung mehr.
Dann ist es
Normalität.
Ein Bildschirm
kennt dein Gesicht.
Normal.
Eine Firma
kennt deinen Schlaf.
Normal.
Eine Bank
kennt deine Einkäufe.
Normal.
Eine App
kennt deinen Standort.
Normal.
Ein Algorithmus
kennt deine Wünsche.
Normal.
Und du?
Kennst du noch
dich selbst?
Unwichtige Frage.
Weiter.
NORMAL!
NORMAL!
Alles dient dem Komfort!
NORMAL!
NORMAL!
Bitte akzeptieren und
fortfahren!
Ein Krieg
läuft im Hintergrund.
Beim Frühstück.
Ein Gebäude explodiert.
Du trinkst Kaffee.
Zwanzig Tote.
Weiterwischen.
Ein lustiges Video.
Ein Hund.
Werbung.
Noch ein Krieg.
Weiterwischen.
Nicht weil
du böse bist.
Nicht weil
es dir egal ist.
Sondern weil
ein Mensch
nicht jeden Tag
Alarmzustand
ertragen kann.
Also wird
das Unfassbare
alltäglich.
Und das Alltägliche
unsichtbar.
Stille.
Eines Tages
kommt jemand
aus einer anderen Zeit.
Er sieht
unsere Kameras.
Unsere Bildschirme.
Unsere Passwörter.
Unsere Schulden.
Unsere Kriege.
Unsere Daten.
Unsere Regeln.
Er fragt:
„Wie konntet ihr
das akzeptieren?“
Wir lachen.
Akzeptieren?
Nein.
So war das nicht.
Es kam langsam.
Sehr langsam.
Ein bisschen heute.
Ein bisschen morgen.
Und jedes Mal
gab es einen guten Grund.
NORMAL!
NORMAL!
Alles ganz normal!
NORMAL!
NORMAL!
Bitte machen Sie weiter!
Der Besucher
schaut uns an.
Dann fragt er:
„Und wenn etwas
nicht normal ist?“
Stille.
Wir schauen
auf unsere Bildschirme.
Niemand weiß
die Antwort.
Eine Stimme
aus dem Lautsprecher:
Guten Morgen.
Alles ist normal.
Bitte
machen Sie
weiter.
21DER PREISDer Preis5:58Deutsch
Alles hat einen Preis, doch nicht immer zahlt ihn der Käufer. Produkte, Energie oder Krieg können menschliche, ökologische oder soziale Kosten tragen, die jemand anderes bezahlt - weit entfernt oder viel später.
Guten Morgen.
Heute ist alles
billiger.
Herzlichen Glückwunsch.
DER PREIS!
DER PREIS!
Alles hat einen Preis!
DER PREIS!
DER PREIS!
Nur nicht immer
für dich!
Ein T-Shirt.
Fünf Euro.
Sehr günstig.
Wer hat es genäht?
Nicht auf dem Etikett.
Ein Telefon.
Neunhundert Euro.
Wer grub
die Metalle aus?
Nicht auf dem Bildschirm.
Ein Steak.
Sonderangebot.
Ein Flug.
Neunzehn Euro.
Ein Paket.
Kostenlos geliefert.
Kostenlos?
Interessantes Wort.
DER PREIS!
DER PREIS!
Jemand muss ihn zahlen!
DER PREIS!
DER PREIS!
Die Frage ist nur:
Wer?
Du willst billige Energie.
Natürlich.
Du willst billiges Essen.
Natürlich.
Du willst billige
Kleidung.
Natürlich.
Du willst hohe Löhne.
Natürlich.
Du willst niedrige
Steuern.
Natürlich.
Du willst gute Straßen.
Gute Krankenhäuser.
Gute Schulen.
Gute Renten.
Natürlich.
Sehr gut.
Bitte erklären Sie,
wer bezahlt.
...
Keine Antwort gefunden.
Ein Wald verschwindet.
Der Preis sinkt.
Ein Fluss wird schwarz.
Der Preis sinkt.
Eine Fabrik arbeitet
nachts.
Der Preis sinkt.
Ein Arbeiter verdient
weniger.
Der Preis sinkt.
Du klickst:
KAUFEN.
Sehr effizient.
DER PREIS!
DER PREIS!
Was kostet die
Bequemlichkeit?
DER PREIS!
DER PREIS!
Was kostet dein gutes
Leben?
Ein Land will Frieden.
Aber Energie.
Ein Land will
Menschenrechte.
Aber Rohstoffe.
Ein Konzern will
Nachhaltigkeit.
Aber Wachstum.
Ein Kunde will Fairness.
Aber Rabatt.
Zwanzig Prozent.
Dreißig Prozent.
Fünfzig Prozent.
Jetzt kaufen!
Moral?
Später.
Der Preis gilt
nur heute.
Eine Bombe kostet
zwei Millionen.
Das Haus darunter?
Hunderttausend.
Das Leben darin?
Keine Marktinformation
verfügbar.
Seltsam.
Wir kennen den Preis
einer Rakete
auf den Cent.
Aber nicht
den Preis
dessen,
was sie zerstört.
DER PREIS!
DER PREIS!
Alles wird berechnet!
DER PREIS!
DER PREIS!
Außer dem,
was wirklich zählt!
Ein Politiker sagt:
„Es gibt keine
Alternative.“
Ein Banker sagt:
„Der Markt verlangt es.“
Ein Direktor sagt:
„Der Kunde will es.“
Der Kunde sagt:
„Ich hatte keine Wahl.“
Alle zeigen
im Kreis.
Wir kennen
dieses Spiel.
Am Ende
steht eine Rechnung.
Oben:
WACHSTUM.
Darunter:
WOHLSTAND.
Darunter:
FORTSCHRITT.
Ganz unten,
sehr klein:
Kosten können
an Dritte
weitergegeben werden.
Wer sind
die Dritten?
Ein Arbeiter
auf einem anderen
Kontinent.
Ein Kind
in zwanzig Jahren.
Ein Wald.
Ein Meer.
Vielleicht
du.
Nur später.
Sehr viel später.
Und deshalb
fühlt es sich
heute
kostenlos an.
DER PREIS!
DER PREIS!
Alles hat einen Preis!
DER PREIS!
DER PREIS!
Auch wenn du ihn
nicht siehst!
Guten Abend.
Ihre Bestellung
wurde geliefert.
Ihr Konto
wurde belastet.
Die anderen Kosten?
Keine Sorge.
Die Rechnung
geht
an jemand anderen.
22DAS EIGENTUMDas Eigentum6:50Deutsch
Das Haus gehört jahrzehntelang der Bank. Musik ist ein Abonnement. Software ist eine Lizenz. Daten laufen über Server, die du nicht kontrollierst. Die Frage lautet: Was besitzen wir wirklich?
Guten Morgen.
Das gehört dir.
Fast.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Alles gehört dir!
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Solange du bezahlst!
Dein Haus.
Dreißig Jahre Kredit.
Dein Auto.
Vier Jahre Finanzierung.
Dein Telefon.
Vierundzwanzig Raten.
Deine Musik.
Abonnement.
Deine Filme.
Abonnement.
Deine Software.
Lizenz.
Dein Leben?
Bitte wählen Sie
einen Tarif.
BASIC.
PREMIUM.
FAMILY.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Es gehört dir!
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Bis wir Nein sagen!
Früher kaufte man
eine Platte.
Sie gehörte dir.
Heute kaufst du
Zugang.
Heute hörst du sie.
Morgen?
Dieser Inhalt
ist in Ihrer Region
nicht verfügbar.
Aber ich habe bezahlt.
Ja.
Für Zugang.
Nicht für Besitz.
Kleine
Unterscheidung.
Sehr wichtig.
Dein Auto
braucht ein Update.
Sitzheizung?
Abonnement.
Mehr Leistung?
Abonnement.
Navigation?
Abonnement.
Die Hardware
ist schon eingebaut.
Aber sie gehört dir
nicht ganz.
Obwohl das Auto
dir gehört.
Verstanden?
Nein?
Perfekt.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Willkommen in der Zukunft!
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Besitzen ist so gestern!
Dein Foto
liegt in der Cloud.
Deine Arbeit
liegt in der Cloud.
Deine Erinnerungen
liegen in der Cloud.
Wo ist
die Cloud?
Irgendwo.
Wem gehört sie?
Nicht dir.
Deine Daten?
Du hast sie erzeugt.
Wir haben sie gesammelt.
Du hast sie gelebt.
Wir haben sie gespeichert.
Du hast sie bezahlt.
Wir haben sie verkauft.
Also:
Wem gehören sie?
Bitte lesen Sie
Abschnitt 47,
Unterpunkt C.
Akzeptieren.
Weiter.
Dein Haus
gehört dir.
Natürlich.
Bis die Rate
nicht kommt.
Dann gehört es
plötzlich
mehr der Bank
als dir.
Ein Monat.
Mahnung.
Zwei Monate.
Warnung.
Drei Monate.
Schlüssel.
Interessant.
Dreißig Jahre lang:
MEIN HAUS.
Drei Monate später:
OBJEKT
ZUR VERWERTUNG.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Ein wunderschönes Wort!
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Mit monatlicher Gebühr!
Du kaufst ein Gerät.
Es funktioniert.
Der Hersteller sagt:
Support beendet.
Es funktioniert noch.
Nicht empfohlen.
Es funktioniert noch.
Nicht kompatibel.
Es funktioniert noch.
Sicherheitsrisiko.
Kaufen Sie
das neue Modell.
Das alte?
Deins.
Endlich.
Jetzt,
wo du es
nicht mehr benutzen sollst.
Sehr großzügig.
Ein Bauer kauft Saatgut.
Er pflanzt es.
Es wächst.
Er nimmt Samen
für das nächste Jahr.
Moment.
Patent.
Lizenz.
Vertrag.
Sogar das Leben
kann Bedingungen haben.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Was besitzt du wirklich?
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Wenn alles eine Lizenz ist?
Eines Tages
fällt das Netz aus.
Kein Server.
Keine Cloud.
Keine Anmeldung.
Keine Bestätigung.
Der Mann steht
in seinem intelligenten
Haus.
Die Tür sagt:
VERBINDUNGSFEHLER.
Er lacht.
Sein Haus.
Seine Tür.
Sein Schlüssel?
Eine App.
Die App
braucht Internet.
Er setzt sich
vor die Tür
seines eigenen Hauses.
Sehr modern.
Sehr effizient.
Sehr frei.
Das Telefon vibriert.
ZAHLUNG FÄLLIG.
Er schaut
auf den Bildschirm.
Dann auf das Haus.
Dann wieder
auf den Bildschirm.
DAS EIGENTUM!
DAS EIGENTUM!
Alles gehört dir!
Eine Stimme antwortet:
Nein.
Du darfst es
nur benutzen.
Guten Abend.
Ihr Abonnement
läuft morgen ab.
Möchten Sie
weiter besitzen?
JETZT VERLÄNGERN.
23DER MENSCHDer Mensch6:53Deutsch
Wenn alles zu Zahlen wird, was ist ein Mensch wert? Lohn, Produktivität, Kredit und Daten sind messbar. Aber was ist ein Nachmittag mit deinem Kind, eine Freundschaft oder Liebe wert? Die Maschine versucht es zu berechnen: Systemfehler.
Guten Morgen.
Bitte geben Sie
Ihren Wert ein.
Meinen Wert?
Ja.
Ihren wirtschaftlichen Wert.
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Wie viel bist du wert?
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Bitte nur in Zahlen!
Alter.
Beruf.
Einkommen.
Ausbildung.
Produktivität.
Kreditwürdigkeit.
Kaufkraft.
Lebenserwartung.
Sehr gut.
Jetzt können wir
dich berechnen.
Ein Kind?
Noch kein Einkommen.
Kosten.
Ein Arbeiter?
Produktiv.
Gut.
Ein Rentner?
Wenig Wachstum.
Schwierig.
Ein Kranker?
Hohe Kosten.
Sehr schwierig.
Ein Milliardär?
Ausgezeichnet.
Warum?
Viele Nullen.
Natürlich.
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Alles lässt sich messen!
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Was sich nicht messen lässt,
zählt nicht!
Wie viel kostet
eine Stunde deines Lebens?
Der Arbeitgeber
hat eine Zahl.
Wie viel kostet
deine Gesundheit?
Die Versicherung
hat eine Zahl.
Wie viel kostet
deine Aufmerksamkeit?
Die Plattform
hat eine Zahl.
Wie viel kostet
dein Tod?
Auch dafür
gibt es Tabellen.
Sehr beruhigend.
Eine Minute
mit deiner Mutter?
Kein Marktwert.
Ein Abend
mit deinem Kind?
Kein Marktwert.
Ein Spaziergang
ohne Telefon?
Kein Marktwert.
Ein Freund,
der bleibt,
wenn du nichts hast?
Daten unzureichend.
Vielleicht deshalb
sind es genau
diese Dinge,
die niemand
verkaufen kann.
Noch nicht.
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Deine Zeit ist Kapital!
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Bitte verschwende sie nicht!
Aufstehen.
Arbeiten.
Produzieren.
Kaufen.
Schlafen.
Wiederholen.
Ein guter Bürger.
Ein guter Kunde.
Ein guter Datensatz.
Ein guter Mensch?
Unbekannte Kategorie.
Bitte präzisieren.
Ist er ehrlich?
Nicht messbar.
Ist er freundlich?
Nicht relevant.
Liebt er?
Nicht quantifizierbar.
Hilft er anderen?
Gibt es dafür
eine Rechnung?
Nein?
Dann erscheint es
nicht im Quartalsbericht.
Schade.
Ein Unternehmen sagt:
Human Resources.
Menschliche Ressourcen.
Holz ist eine Ressource.
Öl ist eine Ressource.
Kupfer ist eine Ressource.
Du auch.
Willkommen
in der Personalabteilung.
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Optimieren!
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Bis nichts Unnötiges bleibt!
Emotionen?
Ineffizient.
Pausen?
Ineffizient.
Zweifel?
Ineffizient.
Alter?
Ineffizient.
Liebe?
Sehr ineffizient.
Menschen verbringen Jahre
mit Menschen,
von denen sie
keinen finanziellen Vorteil
haben.
Seltsames Verhalten.
Vielleicht
ein Fehler.
Wir arbeiten daran.
Eine Maschine arbeitet
vierundzwanzig Stunden.
Keine Pause.
Kein Urlaub.
Keine Krankheit.
Keine Familie.
Perfekt.
Der Mensch schaut
auf die Maschine.
Die Maschine schaut
nicht zurück.
Der Chef fragt:
Warum kann der Mensch
nicht so sein?
Stille.
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Zu teuer!
DER MENSCH!
DER MENSCH!
Zu langsam!
Dann kommt
der letzte Arbeitstag.
Die Maschine
übernimmt.
Der Mensch
geht nach Hause.
Zum ersten Mal
braucht ihn niemand.
Keine E-Mail.
Keine Aufgabe.
Keine Frist.
Keine Besprechung.
Er sitzt
am Fenster.
Was bin ich jetzt?
Kein Arbeiter.
Kein Produzent.
Kaum Konsument.
Kein Wachstum.
Der Bildschirm
hat keine Antwort.
Er geht hinaus.
Ein Kind spielt.
Ein alter Mann
füttert Vögel.
Zwei Menschen
halten sich an der Hand.
Niemand produziert etwas.
Niemand optimiert etwas.
Niemand wächst.
Und trotzdem
scheint etwas
zu passieren,
das die Maschine
nicht berechnen kann.
Der Mensch lächelt.
Keine Daten.
Keine Kennzahl.
Kein Preis.
Nur
ein Mensch.
DER MENSCH!
...
Systemfehler.
Wert
konnte
nicht
berechnet werden.
24DER GEHORSAMDer Gehorsam6:06Deutsch
Kein großes System funktioniert nur, weil einer befiehlt. Es braucht tausende kleine Handlungen: eine Unterschrift, einen Stempel, einen Klick. Alle sagen: Ich habe nur meine Arbeit gemacht. Bis jemand Warum? fragt und Nein sagt.
Guten Morgen.
Hier ist
Ihre Anweisung.
Bitte ausführen.
Warum?
Nicht erforderlich.
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Tu, was man dir sagt!
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Denken kostet Zeit!
Ein Befehl
kommt von oben.
Eine Unterschrift.
Ein Stempel.
Eine E-Mail.
Ein Klick.
Und unten
bewegt sich
die Welt.
Wer hat entschieden?
Nicht ich.
Ich habe
nur unterschrieben.
Wer hat unterschrieben?
Ich.
Aber entschieden?
Nicht ich.
Sehr gut.
Weiter.
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Jeder macht nur seinen
Teil!
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Dann ist niemand schuld!
Der Chef sagt:
Mach es.
Der Arbeiter sagt:
Warum?
Der Chef sagt:
Weil ich es sage.
Der Arbeiter macht es.
Am nächsten Tag
ist der Arbeiter Chef.
Jetzt sagt er:
Mach es.
Interessant.
Menschen hassen Befehle,
bis sie selbst
Befehle geben dürfen.
Uniform an.
Tür schließen.
Formular prüfen.
Antrag ablehnen.
Knopf drücken.
Nicht nachdenken.
Nur Verfahren.
Nur Vorschrift.
Nur Protokoll.
Nur Arbeit.
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Ordnung braucht keine
Fragen!
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Bitte folgen Sie dem Plan!
Ein Mann sagt:
„Ich bin nicht
verantwortlich.
Ich habe nur
meine Arbeit gemacht.“
Ein anderer sagt:
„Ich auch.“
Und noch einer:
„Ich auch.“
Tausend Menschen.
Tausend kleine Aufgaben.
Niemand sieht
das Ganze.
Perfekt.
Einer baut
die Kamera.
Einer installiert sie.
Einer programmiert sie.
Einer beobachtet sie.
Einer schreibt
die Namen auf.
Einer öffnet
die Tür.
Einer schließt sie.
Und jeder sagt:
Nicht meine Entscheidung.
Wer hat dann
entschieden?
Stille.
Vielleicht
der Ablauf.
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Der Ablauf kennt kein
Gewissen!
DER GEHORSAM!
DER GEHORSAM!
Und das Gewissen kennt den
Ablauf nicht!
Was passiert,
wenn ich Nein sage?
Eine unangenehme Frage.
Vielleicht nichts.
Vielleicht alles.
Vielleicht schaut
der Nächste dich an.
Vielleicht sagt er:
Warum nicht?
Und plötzlich
muss jemand erklären,
warum alle anderen
Ja sagen.
Gefährlich.
Sehr gefährlich.
Deshalb:
Nicht fragen.
Weiterarbeiten.
Der Zug fährt.
Die Fabrik produziert.
Das Büro genehmigt.
Die Maschine berechnet.
Der Soldat wartet.
Der Bildschirm sagt:
BEREIT.
Eine Stimme:
Ausführen.
Ein Finger
bewegt sich.
Stopp.
Nur eine Sekunde.
Der Finger wartet.
Warum?
Zum ersten Mal
fragt jemand:
Warum?
Stille.
Die Maschine wartet.
Der Chef wartet.
Das System wartet.
Alle warten.
Niemand hat
diese Verzögerung
vorgesehen.
DER GEHORSAM!
...
Keine Antwort.
Noch einmal:
AUSFÜHREN.
Der Finger
bewegt sich nicht.
Eine Sekunde.
Zwei.
Drei.
So klein
kann Widerstand sein.
Kein Held.
Keine Fahne.
Keine Revolution.
Nur ein Mensch,
der einen Befehl hört
und sagt:
Nein.
Systemmeldung:
UNERWARTETES VERHALTEN.
Bitte melden Sie
den Fehler.
Der Mensch lächelt.
Es ist
kein Fehler.
25DAS VERSPRECHENDas Versprechen6:25Deutsch
Morgen sinken die Preise, steigen die Löhne, endet der Krieg und kommt der Wohlstand. Immer morgen. Doch wenn morgen kommt, heißt es heute - und das Versprechen rückt wieder einen Tag weiter.
Guten Morgen.
Heute ist es
noch schwierig.
Aber morgen...
Morgen
wird alles besser.
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Morgen wird es besser!
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Heute musst du nur noch
warten!
Der Politiker sagt:
Noch vier Jahre.
Der Banker sagt:
Noch eine Rate.
Der Chef sagt:
Noch ein Quartal.
Der General sagt:
Noch eine Offensive.
Der Arzt sagt:
Noch eine Woche.
Der Bildschirm sagt:
Noch ein Update.
Immer
noch eins.
Dann.
Ganz sicher.
Dann.
Die Steuern sinken.
Die Löhne steigen.
Die Preise fallen.
Der Krieg endet.
Die Wirtschaft wächst.
Die Wohnung wird bezahlbar.
Die Rente ist sicher.
Wann?
Bald.
Ein wunderschönes Wort.
Bald.
Kein Datum.
Keine Uhrzeit.
Keine Garantie.
Nur:
Bald.
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Halte noch ein bisschen
durch!
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Die Zukunft wartet schon!
Ein Kind hört:
Wenn du groß bist.
Ein Student hört:
Wenn du fertig bist.
Ein Arbeiter hört:
Wenn du befördert wirst.
Ein Vater hört:
Wenn der Kredit bezahlt
ist.
Ein Rentner hört:
Jetzt kannst du leben.
Er schaut
auf die Uhr.
Interessant.
Das ganze Leben
war Vorbereitung.
Auf später.
Später.
Später.
Später.
Und plötzlich
ist später
gestern.
Der Konzern verspricht:
Nachhaltigkeit
bis 2030.
Die Regierung verspricht:
Klimaneutralität
bis 2050.
Der Präsident verspricht:
Wohlstand
für die nächste Generation.
Sehr praktisch.
Die Rechnung
kommt später.
Die Verantwortung auch.
Vielleicht ist
niemand mehr im Amt,
wenn morgen
heute wird.
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Unterschrieben für die
Zukunft!
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Ohne Haftung für die
Gegenwart!
Vor der Wahl:
Wir werden.
Nach der Wahl:
Wir versuchen.
Ein Jahr später:
Es ist kompliziert.
Zwei Jahre später:
Die Umstände.
Drei Jahre später:
Die Opposition.
Vier Jahre später:
Wir brauchen
noch vier Jahre.
Applaus.
Neue Plakate.
Dasselbe Wort:
ZUKUNFT.
Die Zukunft
ist perfekt.
Denn niemand
kann überprüfen,
ob sie lügt.
Noch nicht.
Ein Krieg beginnt.
„Bis Weihnachten
sind wir zu Hause.“
Welches Weihnachten?
Nicht spezifiziert.
Eine Krise beginnt.
„Nur zwei Wochen.“
Welche zwei?
Nicht spezifiziert.
Eine Maßnahme beginnt.
„Nur vorübergehend.“
Wir kennen
dieses Wort.
Vorübergehend.
Bald.
Später.
Morgen.
Vier Geschwister.
Kinder
derselben Sprache.
Warten.
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Morgen kommt die Freiheit!
DAS VERSPRECHEN!
DAS VERSPRECHEN!
Heute bitte weiterarbeiten!
Eines Morgens
wacht ein Mann auf.
Er schaut
in den Spiegel.
Er ist alt.
Auf dem Tisch
liegen Rechnungen.
Auf dem Bildschirm
spricht ein junger
Politiker.
„Unsere Kinder
werden es besser haben.“
Der Mann lacht.
Das hat sein Vater
auch gehört.
Und dessen Vater.
Und dessen Vater.
Er schaltet
den Bildschirm aus.
Geht nach draußen.
Setzt sich
in die Sonne.
Heute.
Nicht morgen.
Heute.
Keine Verbesserung.
Keine Revolution.
Keine große Zukunft.
Nur ein Kaffee.
Ein Baum.
Ein Mensch.
Und Zeit.
Zum ersten Mal
wartet er
auf nichts.
Stille.
Dann vibriert
das Telefon.
Eine Nachricht:
DIE ZUKUNFT
BEGINNT JETZT.
Er schaut sie an.
Löscht sie.
DAS VERSPRECHEN!
...
Morgen
wird alles besser.
Natürlich.
Aber morgen
heißt
morgen
wieder
morgen.